ad poets blog – Achtung! Die Frau Sichelschmidt denkt nach.

Man spricht Deutsch

Monsieur Achak & die Chef von Stadt. Zuwandererporträt im Mülheimer Jahrbuch. Text: Elke Sichelschmidt, Fotos: Walter Schernstein. I.A. des Verkehrsvereins Mülheim an der Ruhr.

Jenseits von Nordafrika
Ein Riesenwohnblock mitten in Broich. Unter Dutzenden von multinationalen Klingeln finden wir auch die von La Houssine Achak. Sein 12-jähriger Sohn El Mehdi öffnet die schwere Tür und führt die fremden Besucher schüchtern durchs Treppenhaus. Oben nimmt uns der Vater mit kräftigem Handschlag in Empfang. „Kommen Sie herein und nehmen Sie Platz.“ Sein Deutsch klingt wunderbar französisch. Auf dem gedeckten Wohnzimmertisch wartet eine umfangreiche Sahnetorte auf ihren Verzehr. Die ganze Familie ist versammelt. Auch der 8-jährige Abdallah und Ehefrau Aicha, die den einjährigen Mohamed Ali stillt. „Ali wie Cassius Clay?“ fragen wir, und alle müssen lachen. Denn der niedliche Krümel sieht so gar nicht aus wie ein Boxer. Als Monsieur Achak Kaffee einschenkt, beginnt er zu erzählen – von der Vergangenheit im Orient und der Zukunft in Deutschland.

Mitte der 90ger verdiente der gebürtige Marokkaner seinen Lebensunterhalt als LKW-Fahrer im Krisengebiet von Kuweit und Irak. Doch in den Wüstenstaaten wurde es für ihn irgendwann zu heiß. „Kollegen haben mich gewarnt, dass mein Foto an der Grenze aushängt und ich als Kollaborateur gesucht werde. Da musste ich verschwinden.“ Weil er in Marokko ebenfalls in Ungnade gefallen war, flüchtete La Houssini gen Westen. Er landete in Bochum, wo er als Kommissionierer für ein Milchwerk schnell Arbeit bekam. Vier Jahre lang konnte er Aicha und seinen Ältesten nicht sehen. Erst als König Hassan II eine Amnestie erließ, wagte sich Monsieur Achak zu gelegentlichen Besuchen in die Heimat zurück. Ende 2007 konnten seine Frau und mittlerweile zwei Kinder zu ihm nach Deutschland kommen und die Familie zog nach Mülheim. Nur wenig später flatterte eine Einladung zum Integrationskurs ins Haus.

„Ich bin sehr glücklich, dass ich den Kurs gemacht habe“, resümiert Monsieur Achak sichtlich zufrieden. „Seitdem ich Ihre Sprache besser beherrsche, respektieren mich die Leute mehr. Und meinen Kindern kann ich jetzt auch bei den Hausaufgaben helfen.“ El Mehdi zeigt uns ein voluminöses Arabisch-Deutsch-Wörterbuch. „Damit“, erklärt er stolz, „hat mein Vater jeden Tag gelernt“. Acht Monate lang drückte La Houssine die Schulbank und kümmerte sich gleichzeitig um seine diabeteskranke Frau, die erneut schwanger war. Für seine beiden Söhne, die sich währenddessen in einer ganz neuen Welt zurechtfinden mussten, blieb da wenig Zeit. Ohne Unterstützung durch den Kinderschutzbund wäre das kaum gegangen. „Frau Plaschkies war fantastisch und immer da, wenn wir sie brauchten.“ Und auch das arabisch-islamische Gemeindezentrum an der Kaiserstraße bot Nachhilfe in Deutsch und Mathematik an.

„Man muss immer dran bleiben, sonst vergisst man schnell“, spricht Monsieur Achak aus Erfahrung. Ab und zu geht er deshalb in die Bücherei und holt neue Lektüre, um sich fit zu halten. Unter einem Stapel im Regal liegen auch Englisch-Deutsch-CDs und ein Schmöker mit dem Titel: „Jedes Kind ist ein Genie“. Mit den Artikeln im Deutschen hapert es trotzdem noch ein bisschen. Das wundert uns nicht. Die Lehrer an der VHS, berichtet er, seien super nett gewesen und hätten seine Fragen auch nach dem Unterricht immer bereitwillig beantwortet. Und von Ulrike Voß-Schulz, die das Integrationsprogramm dort leitet, sagt er bewundernd: „Sie ist eine starke Frau.“ Auch über die Anerkennung seiner Leistung durch die Oberbürgermeisterin freut sich La Houssini sehr „Alle Teilnehmer, bekommen eine Urkunde von – wie heißt noch mal, die Chef von Stadt?“ fragt er entwaffnend. „ Frau Mühlenfeld“, antworten wir und amüsieren uns auch über den liebenswerten kleinen Fehler.

Zurück nach Marokko möchte der lerneifrige Orientale nicht. Er schätzt das Leben in Deutschland – die Freiheit, die Ordnung und die Krankenversorgung. Und wenn er mal Sehnsucht hat, gibt es ja noch das Internet. „Es heißt, damit ist die Welt wie ein Dorf“, philosophiert er in Richtung Computer, der in einer Ecke des Wohnzimmers steht. Außerdem will er sich hier selbständig machen. „Eine kleine Boutique mit Schmuck und Damenmode. Aber nichts Teures. Wissen Sie, eine Jeansjacke sollte nicht mehr als 15 Euro kosten. Wer kann sich das sonst leisten?“ Vorher will La Houssini aber noch ordentlich Geld verdienen und hat schon Bewerbungen geschrieben. Bei so viel Enthusiasmus muss es ja bald mit einem Job klappen. Als wir uns verabschieden, schenkt uns Monsieur Achak noch einen Aschenbecher und eine Schale aus seiner Heimat. „Besuchen Sie uns doch wieder, dann kocht meine Frau Couscous für Sie.“ Und das meint er genau wie er es sagt. Mal ehrlich: So ein kleines bisschen Marokko steht Mülheim eigentlich ganz gut, oder?

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